Armutsprävention im Land

Armut durch Maßnahmen für mehr Chancengleichheit bekämpfen

Zwei Kleinkinder auf einer Rutsche

Auch in einem reichen Land wie Deutschland und hier in Baden-Württemberg ist Armut Realität. Wer arm ist, kann an vielem nicht teilhaben. Armut ist ein Mangel an Teilhabe- und Verwirklichungschancen.

Um Armut erfolgreich zu bekämpfen bzw. zu verhindern ist es wichtig, für die verschiedenen Betroffenengruppen jeweils passgenaue, nicht stigmatisierende Angebote und Instrumente zu entwickeln.

Flächendeckender Ausbau der Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut in Baden-Württemberg

Kinder in Armut können nicht ausreichend am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Schon in der Schule haben sie oft schlechtere Chancen und können sich als Erwachsene nur noch schwer aus der Armut befreien. Mit dem Ansatz der Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut will das Land dazu beitragen, dass alle Kinder gute und gleiche Chancen haben – von Anfang an, aber auch beim Übergang von der Kita in die Schule oder von der Schule in die Ausbildung bzw. ins Studium.

Auf finanzielle Transferleistungen hat das Land wenig Einfluss – anders ist das bei der Förderung einer armutspräventiven Infrastruktur in den Kommunen. Dafür stellt das Land seit knapp zehn Jahren Mittel des Landeshaushalts für den Aufbau und die Weiterwicklung von Präventionsnetzwerken gegen Kinderarmut zur Verfügung. Ziel eines kommunalen Präventionsnetzwerkes gegen Kinderarmut in Baden-Württemberg ist es, eine integrierte kommunale Strategie zur Prävention und Bekämpfung von Kinderarmut zu entwickeln, damit sich materielle Armutsgefährdung im Kindesalter möglichst nicht nachteilig auf die Möglichkeiten der sozialen Teilhabe im gesamten Leben auswirkt. Bis 2030 soll dieser Ansatz in allen Stadt- und Landkreisen etabliert sein.

Alle geförderten Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut werden im Auftrag des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration bei ihrer Arbeit mit fachlicher Beratung, Begleitung und regelmäßigen Netzwerktreffen und durch die FamilienForschung im Statistischen Landesamt unterstützt.

Weitere Informationen zu Präventionsnetzwerken gegen Kinderarmut in Baden-Württemberg finden Interessierte auf der digitalen Informationsplattform „Starke Kinder – chancenreich“.

Förderprogramm gegen Kinderarmut im Rahmen des Europäischen Sozialfonds (ESF)

Das durch den Europäischen Sozialfonds und Landesmittel finanzierte Förderprogramm „Starke Kinder“ richtet sich vorrangig an Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse, aber auch an deren Eltern. Ziel ist es, mit den Teilnehmenden armutsvermeidende Perspektiven zu erarbeiten und so die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.

Dazu wählen die Projekte unterschiedliche Ansätze, unter anderem Unterstützung bei der Inanspruchnahme von öffentlichen Leistungen, psychosoziale und gesundheitliche Stabilisierung, aber auch Einsatz von Elementen der Erlebnispädagogik.

Das zweijährige Förderprogramm mit einem Volumen von rund 5 Millionen Euro, davon 2,5 Millionen aus dem ESF, startete mit neun Projekten zum Januar 2020. Die Projekte wurden mittlerweile mit neuen Mitteln bis Ende 2022 verlängert.

Steckbriefe der ESF-Projekte gegen Kinderarmut in Baden-Württemberg (PDF)

Bessere Teilhabe von armutsgefährdeten Menschen an Politik und Gesellschaft

Regelmäßige soziale Kontakte wirken sich positiv auf die politische und gesellschaftliche Teilhabe von armutsgefährdeten Menschen aus. Zu diesem Ergebnis kommt der zweite GesellschaftsReport BW des Jahres 2019 „Politische und gesellschaftliche Teilhabe von Armutsgefährdeten“. Beispiele aus der Praxis zeigen, welche Rolle Vernetzungsmöglichkeiten spielen, um sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse des Gesellschaftsreports wurde der Förderaufruf „Politische und gesellschaftliche Teilhabechancen trotz Armutsgefährdung“ veröffentlicht. Es wurden von 2019 bis Mitte 2021 elf Projekte in Stuttgart, Mannheim, Göppingen, Rottweil und im Rhein-Neckar-Kreis durchgeführt. Diese befassen sich mit Angeboten aus den Bereichen Politik und Kultur, bieten Begegnungsräume oder fördern die Bildung von Netzwerken.  Auflistung der Projekte (PDF) 

In der Broschüre „Strategien gegen Armut – Nachhaltigkeit, Verstetigung und Good Practice" (PDF)  werden die Projekte aus dem Jahr 2019 mithilfe von Steckbriefen vorgestellt. Hierbei wurde auf die Projektkonzeption, die Projektziele, die Zielgruppenansprache, besondere Aspekte der Teilhabestärkung und die Erfahrungen an den Projektstandorten eingegangen.

Damit zukünftige Projekte auf diese Ergebnisse aufbauen können, hat das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration im Jahr 2021 mit dem Förderaufruf „Impulse Teilhabeförderung“ weitere Mittel des Landeshaushalts zur Verfügung gestellt. Liste der neun geförderten Projekte im Land (PDF). Die Projekte bearbeiten die folgenden Fragestellungen:

  • Wie können Austausch und Vernetzung von Menschen mit Armutserfahrung untereinander und zwischen Menschen mit und/ oder ohne Armutserfahrung zur Förderung von sozialer Teilhabe beitragen und welche Angebote sind dafür erforderlich und hilfreich?
  • Wie können durch Ansätze wie Empowerment, Partizipation, Selbstorganisation und Hilfe zur Selbsthilfe die Selbstwirksamkeit und gesellschaftliche Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrung gefördert werden? Welche Rahmenbedingungen müssen dafür zur Verfügung stehen?
  • Welche Bedeutung haben aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen für die Lebenslage von Menschen mit Armutserfahrungen? Woran muss gearbeitet werden, damit dadurch soziale Ungleichheit nicht verschärft und soziale Gerechtigkeit geschaffen wird?
  • Welche Möglichkeiten bestehen, durch niedrigschwellige, wohnortnahe, quartiersbezogene, sozialraumorientierte Angebote die gesellschaftliche Integration von Menschen mit Armutserfahrung zu verbessern?

Bericht „Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen in Baden-Württemberg“

Der ungefähr 100-seitige Landesbericht zu Teilhabechancen (PDF) nimmt die Bedingungen für ein gutes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in den Blick. Der Fokus liegt dabei auf empirischen Ergebnissen zu verschiedenen Dimensionen der Lebenslage von Kindern und Jugendlichen und den diesbezüglichen kommunalen Handlungsmöglichkeiten. Darüber hinaus umfasst er Praxisbeispiele und Ergebnisse verschiedener Beteiligungsprozesse, die die Berichterstellung flankiert haben. An zentralen Stellen werden auch mögliche corona-bedingte Langzeitfolgen für Kinder und Jugendliche erörtert.
Der Bericht dient zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Problem der Kinderarmut und richtet sich auch an Fachleute, vor allem in den Bereichen Bildung, Betreuung und Gesundheit. Er wurde von der FamilienForschung im Statistischen Landesamt zusammen mit dem Ministerium für Soziales und Integration erstellt.

Modulares Konzept der Armuts- und Reichtumsberichterstattung für Baden-Württemberg (2022-2025)

Um passgenaue Unterstützungsangebote zur Armutsbekämpfung entwickeln zu können, braucht es eine aussagekräftige Datengrundlage. Das Land baut die bisherige Armutsberichterstattung mithilfe eines Konzepts von vier Modulen aus.
Das Konzept soll im Zeitraum von 2022-2025 umgesetzt werden. Für die Umsetzung wird die FamilienForschung im Statistischen Landesamt beauftragt. Bei der Umsetzung wird der Landesbeirat für Armutsbekämpfung und Prävention Baden-Württemberg intensiv beteiligt.

Zwei Module des Konzepts bestehen bereits (Module 1 und 3) und zwei Module kommen neu hinzu (Module 2 und 4).

Modul 1: Gesellschaftsmonitoring BW
Beim Gesellschaftsmonitoring BW werden 40 Indikatoren zu Armut und Reichtum jährlich fortgeschrieben. Die Fortschreibung geht vom Ersten Armuts- und Reichtumsbericht Baden-Württemberg 2015 (PDF) aus. Einmal jährlich werden Basisinformationen als Zusammenschau dazu veröffentlicht.

Modul 2: Kurzanalysen
Kurzanalysen bieten bis zu zweimal pro Jahr die Möglichkeit einer vertiefenden Analyse (aus 5 bis 10 Seiten) ausgewählter Ergebnisse und Entwicklungen. Es sollen interessante Entwicklungen, die sich im Modul 1 „Gesellschaftsmonitoring BW“ zeigen, in den Blick genommen oder weitergehende Fragestellungen, die vom Landesbeirat für Armutsbekämpfung und Prävention eingebracht werden, analysiert werden.

Modul 3: Gesellschaftsreport BW zu Armut und Reichtum
Einmal jährlich wird ein Thema aus dem Bereich Armut und Reichtum als Gesellschaftsreport BW bearbeitet (Umfang ca. 15 Seiten; bisherige Berichte siehe weiter unten: „Downloads“). Dabei wird eine sozialwissenschaftliche Datenanalyse mit good practice ergänzt und es werden Schlussfolgerungen für die Praxis gezogen. Die Ergebnisse werden aufgegriffen und deren Umsetzung im Rahmen eines Förderaufrufs zur Armutsbekämpfung und Armutsprävention angeregt.

Modul 4: Berichte zu gesellschaftlichen Teilhabe
Im Zeitraum 2023-2025 werden drei aktuelle Schwerpunktthemen aus dem Bereich Armut und Reichtum erstellt (Umfang jeweils 50-80 Seiten). Die Berichte beinhalten eine wissenschaftliche Analyse (30-40 Seiten) und jeweils aus der Analyse abgeleitete Handlungsempfehlungen des Landesbeirats für Armutsbekämpfung und Prävention und einen Beitrag des Sozialministeriums (jeweils 10-20 Seiten). Jeder Bericht zur gesellschaftlichen Teilhabe muss in sich stimmig und abgeschlossen sein, Berichte können aber aufeinander aufbauen und sich ergänzen.

Der Analyseteil, den jeweils die FamilienForschung im Statistischen Landesamt erstellt, orientiert sich am Lebenslagenkonzept. Er kann auch Praxisbeispiele, Portraits von Menschen mit Armutserfahrung, Interviews etc. umfassen.
Zu jedem Bericht findet in der Analysephase ein Online-Fachgespräch (oder eine vergleichbare Veranstaltung in Präsenz) statt. Ziel des Austauschs ist es, erste Ergebnisse zu diskutieren, Impulse aus der Fachpraxis aufzunehmen und Betroffene zu Wort kommen zu lassen.
Für jeden Bericht wird eine Begleitgruppe aus maximal zehn Mitgliedern des Landesbeirats für Armutsbekämpfung und Prävention gebildet, die die konkrete Berichterstattung begleitet und die Handlungsempfehlungen des Landesbeirats erarbeitet. Der Beirat soll mit einer Stimme sprechen und Empfehlungen für die Amtsspitze des Sozialministeriums erarbeiten. Dieser Prozess wird durch die FamilienForschung moderiert. 

Schaubild zum Modularen Konzept der Armutsberichterstattung (PDF)

Kommunale Armuts- und Sozialberichterstattung

Eine entscheidende Rolle bei der Armutsprävention und der Reduzierung von Armutsfolgen spielen die Akteurinnen und Akteure vor Ort, die Kommunen und ihre Partnerinnen und Partner. Um sie zu unterstützen, hat das Sozialministerium 2018 den „Praxisleitfaden kommunale Armuts- und Sozialberichterstattung (PDF)“ vorgelegt. Der Leitfaden versteht sich als Handwerkskoffer mit verschiedenen Instrumenten für Kommunen, die einen Armuts- oder Sozialbericht erstellen beziehungsweise ihre Berichterstattung fortschreiben möchten.

Ergänzend zum Leitfaden hat das Land Beteiligungsworkshops zur kommunalen Armutsprävention und Armutsüberwindung durch Stadt- und Landkreise sowie Kommunen gefördert, die einen Armuts- oder Sozialbericht vorbereiten oder diesen bereits vorgelegt haben. Die Beteiligungsworkshops wurden im Zeitraum 2019/2020 in den Landkreisen Heidenheim, Reutlingen und Zollernalbkreis durchgeführt und von der FamilienForschung Baden-Württemberg im Statistischen Landesamt begleitet. Einen Überblick über die Ergebnisse finden Sie in einem Kurzbericht (PDF).

Verbesserung der Teilhabechancen von Kindern mit Migrationshintergrund und deren Familien

Im Jahr 2020 sind zehn Projekte gestartet, die die Teilhabechancen von Kindern mit Migrationshintergrund und deren Familien verbessern wollen und damit für bessere Bedingungen für das Aufwachsen und das weitere Leben der Kinder und Jugendlichen sorgen. Dazu gehören Angebote mit niedrigschwelligem Zugang und stark partizipativen Elementen. Kinder werden mit ihren Interessen abgeholt und lernen neue Möglichkeiten der kulturellen sowie der Bildungsteilhabe kennen. Wichtig ist es, auch die Eltern einzubinden, will man eine nachhaltige Wirkung der Projekte erzielen. Die Projekte haben eine Laufzeit bis Herbst 2022.
Einige Beispiele für Projekte:

  • Mehrsprachige Lernassistentinnen und Lernassistenten begleiten die Schülerinnen und Schüler mit Migrations- oder Fluchterfahrung direkt im Unterricht, aber auch im Nachgang bei der Hausaufgaben- beziehungsweise offenen Lernzeit.
  • Kinder sollen lernen, neue Medien kreativ zu nutzen und nicht nur zu konsumieren. Ihre Eltern können sich durch Kurse im Umgang mit Computern vertraut machen, damit sie ihre Kinder unterstützen können und die Angst vor der digitalen Welt verlieren.
  • Junge Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sollen durch nahezu gleichaltrige Tandem-Leader (Azubis 1./2. Ausbildungsjahr) an berufliche Bildung/Orientierung herangeführt werden.
  • Kinder, die nicht von einem Kita-Besuch profitiert haben und noch über geringe deutsche Sprachkenntnisse verfügen, sollen frühzeitig auf den Schulbesuch vorbereitet und für die deutsche Sprache gefördert werden.

Steckbriefe der geförderten Projekte im Programm „Wir gehören dazu – Strategien zur Verbesserung der Chancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ (PDF)