Armutsprävention im Land

Armut durch Maßnahmen für mehr Chancengleichheit bekämpfen

Zwei Kleinkinder auf einer Rutsche

Auch in einem reichen Land wie Deutschland und hier in Baden-Württemberg ist Armut Realität. Wer arm ist, kann an vielem nicht teilhaben. Armut ist ein Mangel an Teilhabe- und Verwirklichungschancen.

Um Armut erfolgreich zu bekämpfen bzw. zu verhindern ist es wichtig, für die verschiedenen Betroffenengruppen jeweils passgenaue, nicht stigmatisierende Angebote und Instrumente zu entwickeln.

Strategie „Starke Kinder – chancenreich“

Kinder in Armut können nicht ausreichend am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Schon in der Schule haben sie oft schlechtere Chancen und können sich als Erwachsene nur noch schwer aus der Armut befreien. Genau hier setzt die Strategie „Starke Kinder – chancenreich“ des Ministeriums für Soziales und Integration an. Denn alle Kinder sollen gute und gleiche Chancen haben – von Anfang an, aber auch beim Übergang von der Kita in die Schule oder von der Schule in die Ausbildung bzw. ins Studium.

Unser Ziel ist es, im Schwerpunktjahr 2020 gegen Kinderarmut und auch über das Jahr hinaus dazu beizutragen, dass Kinder und deren Familien in allen Lebenslagen gute Unterstützungsangebote erhalten. Notwendig sind auch finanzielle Leistungen, die Kinder stärken und ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen – eine Kindergrundsicherung könnte hier wesentliche Verbesserungen bringen.

Kinderarmut können wir jedoch nur gemeinsam mit vielen Akteurinnen und Akteuren erfolgreich bekämpfen. Auf der Website www.starkekinder-bw.de werden die vielfältigen Unterstützungsangebote, Veranstaltungen zum Thema Kinderarmut und Partnerinnen und Partner gebündelt.

Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut mit Schwerpunkt Gesundheit

Im Rahmen des Förderaufrufs „Aktiv und gemeinsam gegen Kinderarmut und für Kindergesundheit“ werden seit Ende 2018 Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut mit dem Schwerpunkt Gesundheit an sechs Standorten gefördert: der Ortenaukreis, der Landkreis Ravensburg, der Stadtkreis Stuttgart sowie die Städte Schorndorf, Singen und Ulm. Der Förderaufruf war eine direkte Konsequenz aus den Ergebnissen des GesellschaftsReports Baden-Württemberg mit dem Titel „Familienarmut – ein Risiko für die Gesundheit von Kindern“ (Ausgabe 3/2018). Denn während der Großteil der Heranwachsenden in Baden-Württemberg gute Chancen hat, gesund aufzuwachsen, haben insbesondere die knapp 20 Prozent armutsgefährdeter Kinder und Jugendlichen ein höheres gesundheitliches Risiko und damit geringere Chancen auf ein gesundes Leben.

Zwei weitere Präventionsnetzwerke haben auf Grundlage des Förderaufrufs „Aktiv und gemeinsam gegen Kinderarmut und für Teilhabe und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen“ im Dezember 2019 die Arbeit aufgenommen: im Landkreis Lörrach und in der Stadt Mannheim. 

Alle geförderten Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut werden im Auftrag des Ministeriums für Soziales und Integration bei ihrer Arbeit mit regelmäßigen Netzwerktreffen und einer Bilanzierung durch die FamilienForschung im Statistischen Landesamt unterstützt.

Förderprogramm gegen Kinderarmut im Rahmen des Europäischen Sozialfonds (ESF)

Das durch den Europäischen Sozialfonds und Landesmittel finanzierte Förderprogramm „Starke Kinder – chancenreich“ richtet sich vorrangig an Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse, aber auch an deren Eltern. Ziel ist es, mit den Teilnehmenden armutsvermeidende Perspektiven zu erarbeiten und so die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.

Dazu wählen die Projekte unterschiedliche Ansätze, unter anderem Unterstützung bei der Inanspruchnahme von öffentlichen Leistungen, psychosoziale und gesundheitliche Stabilisierung, aber auch Einsatz von Elementen der Erlebnispädagogik.

Das zweijährige Förderprogramm mit einem Volumen von rund 5 Millionen Euro, davon 2,5 Millionen aus dem ESF, startete mit neun Projekten zum Januar 2020.

Datengrundlage: Armuts- und Reichtumsberichterstattung für Baden-Württemberg

Um passgenaue Unterstützungsangebote zur Armutsbekämpfung entwickeln zu können, braucht es eine aussagekräftige Datengrundlage. Für das Land wurde diese mit dem Ersten Armuts- und Reichtumsbericht Baden-Württemberg 2015 geschaffen. Der Bericht wurde im Auftrag des Sozialministeriums von der FamilienForschung Baden-Württemberg im Statistischen Landesamt erstellt.

Die Statistik zur Armuts- und Reichtumslage in Baden-Württemberg wird durch einen Satz an Basisindikatoren regelmäßig aktualisiert. Die Ergebnisse werden auf der Internetplattform zum GesellschaftsMonitoring Baden-Württemberg veröffentlicht. Diese Basisindikatoren ermöglichen ein komprimiertes und kontinuierliches Monitoring der Bereiche Armut und Reichtum in Baden-Württemberg.

Ergänzt wird das Statistikangebot durch eine jährlich wiederkehrende Darstellung aktueller Entwicklungen aus den Basisindikatoren sowie durch praxisorientierte GesellschaftsReports zu aktuellen Themen aus dem Bereich Armut und Reichtum wie Gesundheit von Kindern oder Teilhabe von Armutsgefährdeten in Baden-Württemberg (siehe auch Downloads am Ende der Seite).

Die im Rahmen der Berichterstellung begonnene Zusammenarbeit mit dem Landesbeirat für Armutsbekämpfung und Prävention wird fortgesetzt. Der Beirat setzt sich aus den im Sozialbereich tätigen Verbänden, den sozialpolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Landtagsfraktionen sowie den fachlich beteiligten Ministerien zusammen.

Kommunale Armuts- und Sozialberichterstattung

Eine entscheidende Rolle bei der Armutsprävention und der Reduzierung von Armutsfolgen spielen die Akteurinnen und Akteure vor Ort, die Kommunen und ihre Partnerinnen und Partner. Um sie zu unterstützen, hat das Ministerium für Soziales und Integration 2018 den „Praxisleitfaden kommunale Armuts- und Sozialberichterstattung“ vorgelegt. Der Leitfaden versteht sich als Handwerkskoffer mit verschiedenen Instrumenten für Kommunen, die einen Armuts- oder Sozialbericht erstellen beziehungsweise ihre Berichterstattung fortschreiben möchten.

Ergänzend zum Leitfaden hat das Land Beteiligungsworkshops zur kommunalen Armutsprävention und Armutsüberwindung durch Stadt- und Landkreise sowie Kommunen gefördert, die einen Armuts- oder Sozialbericht vorbereiten oder diesen bereits vorgelegt haben.

Bessere Teilhabe von armutsgefährdeten Menschen an Politik und Gesellschaft

Regelmäßige soziale Kontakte wirken sich positiv auf die politische und gesellschaftliche Teilhabe von armutsgefährdeten Menschen aus. Zu diesem Ergebnis kommt der zweite GesellschaftsReport BW des Jahres 2019 „Politische und gesellschaftliche Teilhabe von Armutsgefährdeten“. Beispiele aus der Praxis zeigen, welche Rolle Vernetzungsmöglichkeiten spielen, um sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aus dem Gesellschaftsreport wurden zwei Förderaufrufe entwickelt: Auf Basis des Förderaufrufs „Aktiv und gemeinsam gegen Kinderarmut und für Teilhabe und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen“ haben zwei Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut ihre Arbeit aufgenommen (siehe oben). Auf Basis des zweiten Förderaufrufs „Politische und gesellschaftliche Teilhabechancen trotz Armutsgefährdung“ werden elf Projekte (PDF) in Stuttgart, Mannheim, Göppingen, Rottweil und im Rhein-Neckar-Kreis durchgeführt. Diese befassen sich mit Angeboten aus den Bereichen Politik und Kultur, bieten Begegnungsräume oder fördern die Bildung von Netzwerken.

Ergebnisse des Ideenwettbewerbs für Strategien gegen Armut

Im Jahr 2016 fand ein Ideenwettbewerb „Strategien gegen Armut“ statt. Dieser wurde vor dem Hintergrund der Empfehlungen aus dem Ersten Armuts- und Reichtumsberichts durchgeführt. Schon lange geplante Projekte und neue Ansätze in der Armutsprävention und -überwindung, denen es bisher an der Finanzierung mangelte, konnten verwirklicht werden. Die 13 ausgewählten Projekte (PDF) richteten sich an Kinder, Alleinerziehende, alte Menschen, Langzeitarbeitslose, Überschuldete, Migrantinnen und Migranten oder von Wohnungslosigkeit betroffene Menschen.

Die FamilienForschung Baden-Württemberg im Statistischen Landesamt hatte die Projekte und ihre Ergebnisse im Jahr 2018 bilanziert. Wegen des thematischen Zusammenhangs wurde die Dokumentation durch zwei vom Ministerium für Soziales und Integration geförderte Leuchtturmprojekte aus Singen und Tübingen ergänzt, bei denen systematisch Wege zur Bekämpfung der Kinderarmut beschritten wurden.