Armutsprävention im Land

Armut durch Maßnahmen für mehr Chancengleichheit bekämpfen

Zwei Kleinkinder auf einer Rutsche

Auch in einem reichen Land wie Deutschland und hier in Baden-Württemberg ist Armut Realität. Wer arm ist, kann an vielem nicht teilhaben. Armut ist ein Mangel an Teilhabe- und Verwirklichungschancen.

Um Armut erfolgreich zu bekämpfen bzw. zu verhindern ist es wichtig, für die verschiedenen Betroffenengruppen jeweils passgenaue, nicht stigmatisierende Angebote und Instrumente zu entwickeln.

Strategie „Starke Kinder – chancenreich“

In Baden-Württemberg ist fast jedes fünfte Kind armutsgefährdet. Kinder in Armut können nicht ausreichend am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Schon in der Schule haben sie oft schlechtere Chancen und können sich als Erwachsene nur noch schwer aus der Armut befreien. Genau hier setzt die Strategie „Starke Kinder – chancenreich“ des Ministeriums für Soziales und Integration an. Denn alle Kinder sollen gute und gleiche Chancen haben – von Anfang an, aber auch beim Übergang von der Kita in die Schule oder von der Schule in die Ausbildung bzw. ins Studium.

Unser Ziel ist es, in den Jahren 2020 und 2021 dazu beizutragen, dass Kinder und deren Familien in allen Lebenslagen gute Unterstützungsangebote erhalten. Notwendig sind auch finanzielle Leistungen, die Kinder stärken und ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen – eine Kindergrundsicherung könnte hier wesentliche Verbesserungen bringen.

Beim Online-Kongress „Ein starkes Land braucht starke Kinder – Strategien gegen Kinderarmut in Baden-Württemberg“ im Oktober 2020 hat Sozial- und Integrationsminister Lucha die bisherige Arbeit in der Strategie „Starke Kinder – chancenreich“ und des dazu gehörenden Schwerpunktjahres 2020 gegen Kinderarmut in Baden-Württemberg bilanziert und deutlich gemacht, dass das Engagement des Landes gegen Kinderarmut im Jahr 2021 weitergeführt wird. Die Rede steht als Video zur Verfügung.

Kinderarmut können wir nur gemeinsam mit vielen Akteurinnen und Akteuren erfolgreich bekämpfen. Auf der Website www.starkekinder-bw.de werden die vielfältigen Unterstützungsangebote, Veranstaltungen zum Thema Kinderarmut und Partnerinnen und Partner gebündelt.

Ausbau der Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut in Baden-Württemberg

Auf finanzielle Transferleistungen hat das Land wenig Einfluss – anders ist das bei der Förderung einer armutspräventiven Infrastruktur in den Kommunen. Dafür stellt das Land seit knapp zehn Jahren Mittel des Landeshaushalts für den Aufbau und die Weiterwicklung von Präventionsnetzwerken gegen Kinderarmut zur Verfügung.
Derzeit bestehen 16 solcher Präventionsnetzwerke in 13 der 44 Stadt- und Landkreise im Land. Bis 2030 soll dieser Ansatz in allen Stadt- und Landkreisen erprobt worden sein.

Im Rahmen des Förderaufrufs „Aktiv und gemeinsam gegen Kinderarmut und für Kindergesundheit“ werden seit Ende 2018 Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut mit dem Schwerpunkt Gesundheit an sechs Standorten gefördert: der Ortenaukreis, der Landkreis Ravensburg, der Stadtkreis Stuttgart sowie die Städte Schorndorf, Singen und Ulm. Der Förderaufruf war eine direkte Konsequenz aus den Ergebnissen des GesellschaftsReports Baden-Württemberg mit dem Titel „Familienarmut – ein Risiko für die Gesundheit von Kindern“ (Ausgabe 3/2018). Denn während der Großteil der Heranwachsenden in Baden-Württemberg gute Chancen hat, gesund aufzuwachsen, haben insbesondere die knapp 20 Prozent armutsgefährdeter Kinder und Jugendlichen ein höheres gesundheitliches Risiko und damit geringere Chancen auf ein gesundes Leben.

Zwei weitere Präventionsnetzwerke haben auf Grundlage des Förderaufrufs „Aktiv und gemeinsam gegen Kinderarmut und für Teilhabe und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen“ im Dezember 2019 die Arbeit aufgenommen: im Landkreis Lörrach und in der Stadt Mannheim.

Im Rahmen des Förderaufrufes „Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut – Erkennen und Weiterentwickeln von lokalen Präventionsketten“ werden weitere neun Projekte in den Stadtkreisen Heilbronn und Pforzheim sowie in den Landkreisen Ravensburg, Karlsruhe (2), Rems-Murr-Kreis, Konstanz, Tübingen und Esslingen (PDF) für einen Zeitraum von zwei Jahren gefördert (Dezember 2020 bis November 2022). Hier werden neue Strukturen für Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut geschaffen und weiterentwickelt. Neben Gesundheit oder Teilhabe werden in den Projekten Handlungsfelder wie Familienbildung, Sprache und Spracherwerb, Bildung und Übergänge, Wohnen und Sozialraum in den Blick genommen.

Alle geförderten Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut werden im Auftrag des Ministeriums für Soziales und Integration bei ihrer Arbeit mit regelmäßigen Netzwerktreffen und einer Bilanzierung durch die FamilienForschung im Statistischen Landesamt unterstützt.

Förderprogramm gegen Kinderarmut im Rahmen des Europäischen Sozialfonds (ESF)

Das durch den Europäischen Sozialfonds und Landesmittel finanzierte Förderprogramm „Starke Kinder – chancenreich“ richtet sich vorrangig an Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse, aber auch an deren Eltern. Ziel ist es, mit den Teilnehmenden armutsvermeidende Perspektiven zu erarbeiten und so die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.

Dazu wählen die Projekte unterschiedliche Ansätze, unter anderem Unterstützung bei der Inanspruchnahme von öffentlichen Leistungen, psychosoziale und gesundheitliche Stabilisierung, aber auch Einsatz von Elementen der Erlebnispädagogik.

Das zweijährige Förderprogramm mit einem Volumen von rund 5 Millionen Euro, davon 2,5 Millionen aus dem ESF, startete mit neun Projekten zum Januar 2020.

Bericht „Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen in Baden-Württemberg“

Der ungefähr 100-seitige Landesbericht zu Teilhabechancen (PDF) nimmt die Bedingungen für ein gutes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in den Blick. Der Fokus liegt dabei auf empirischen Ergebnissen zu verschiedenen Dimensionen der Lebenslage von Kindern und Jugendlichen und den diesbezüglichen kommunalen Handlungsmöglichkeiten. Darüber hinaus umfasst er Praxisbeispiele und Ergebnisse verschiedener Beteiligungsprozesse, die die Berichterstellung flankiert haben. An zentralen Stellen werden auch mögliche corona-bedingte Langzeitfolgen für Kinder und Jugendliche erörtert.
Der Bericht dient zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Problem der Kinderarmut und richtet sich auch an Fachleute, vor allem in den Bereichen Bildung, Betreuung und Gesundheit. Er wurde von der FamilienForschung im Statistischen Landesamt zusammen mit dem Ministerium für Soziales und Integration erstellt.

Verbesserung der Teilhabechancen von Kindern mit Migrationshintergrund und deren Familien

Ende des Jahres 2020 sind zehn Projekte gestartet, die die Teilhabechancen von Kindern mit Migrationshintergrund und deren Familien verbessern wollen und damit für bessere Bedingungen für das Aufwachsen und das weitere Leben der Kinder und Jugendlichen sorgen. Dazu gehören Angebote mit niedrigschwelligem Zugang und stark partizipativen Elementen. Kinder werden mit ihren Interessen abgeholt und lernen neue Möglichkeiten der kulturellen sowie der Bildungsteilhabe kennen. Wichtig ist es, auch die Eltern einzubinden, will man eine nachhaltige Wirkung der Projekte erzielen.
Einige Beispiele für Projekte:

  • Mehrsprachige Lernassistentinnen und Lernassistenten begleiten die Schü-lerinnen und Schüler mit Migrations- oder Fluchterfahrung direkt im Unterricht, aber auch im Nachgang bei der Hausaufgaben- bzw. offenen Lernzeit.
  • Kinder sollen lernen, neue Medien kreativ zu nutzen und nicht nur zu kon-sumieren. Ihre Eltern können sich durch Kurse im Umgang mit Computern vertraut machen, damit sie ihre Kinder unterstützen können und die Angst vor der digitalen Welt verlieren.
  • Junge Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sollen durch nahezu gleichaltrige Tandem-Leader (Azubis 1./2. Ausbildungsjahr) an berufliche Bildung/Orientierung herangeführt werden.
  • Kinder, die nicht von einem Kita-Besuch profitiert haben und noch über geringe deutsche Sprachkenntnisse verfügen, sollen frühzeitig auf den Schulbesuch vorbereitet und für die deutsche Sprache gefördert werden.

Übersicht der geförderten Projekte (PDF)

Datengrundlage: Armuts- und Reichtumsberichterstattung für Baden-Württemberg

Um passgenaue Unterstützungsangebote zur Armutsbekämpfung entwickeln zu können, braucht es eine aussagekräftige Datengrundlage. Für das Land wurde diese mit dem Ersten Armuts- und Reichtumsbericht Baden-Württemberg 2015 geschaffen. Der Bericht wurde im Auftrag des Sozialministeriums von der FamilienForschung Baden-Württemberg im Statistischen Landesamt erstellt.

Die Statistik zur Armuts- und Reichtumslage in Baden-Württemberg wird durch einen Satz an Basisindikatoren regelmäßig aktualisiert. Die Ergebnisse werden auf der Internetplattform zum GesellschaftsMonitoring Baden-Württemberg veröffentlicht. Diese Basisindikatoren ermöglichen ein komprimiertes und kontinuierliches Monitoring der Bereiche Armut und Reichtum in Baden-Württemberg.

Ergänzt wird das Statistikangebot durch eine jährlich wiederkehrende Darstellung aktueller Entwicklungen aus den Basisindikatoren sowie durch praxisorientierte GesellschaftsReports zu aktuellen Themen aus dem Bereich Armut und Reichtum wie Gesundheit von Kindern oder Teilhabe von Armutsgefährdeten in Baden-Württemberg (siehe auch Downloads am Ende der Seite).

Die im Rahmen der Berichterstellung begonnene Zusammenarbeit mit dem Landesbeirat für Armutsbekämpfung und Prävention wird fortgesetzt. Der Beirat setzt sich aus den im Sozialbereich tätigen Verbänden, den sozialpolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Landtagsfraktionen sowie den fachlich beteiligten Ministerien zusammen.

Kommunale Armuts- und Sozialberichterstattung

Eine entscheidende Rolle bei der Armutsprävention und der Reduzierung von Armutsfolgen spielen die Akteurinnen und Akteure vor Ort, die Kommunen und ihre Partnerinnen und Partner. Um sie zu unterstützen, hat das Ministerium für Soziales und Integration 2018 den „Praxisleitfaden kommunale Armuts- und Sozialberichterstattung“ vorgelegt. Der Leitfaden versteht sich als Handwerkskoffer mit verschiedenen Instrumenten für Kommunen, die einen Armuts- oder Sozialbericht erstellen beziehungsweise ihre Berichterstattung fortschreiben möchten.

Ergänzend zum Leitfaden hat das Land Beteiligungsworkshops zur kommunalen Armutsprävention und Armutsüberwindung durch Stadt- und Landkreise sowie Kommunen gefördert, die einen Armuts- oder Sozialbericht vorbereiten oder diesen bereits vorgelegt haben. Die Beteiligungsworkshops wurden im Zeitraum 2019/2020 in den Landkreisen Heidenheim, Reutlingen und Zollernalbkreis durchgeführt und von der FamilienForschung Baden-Württemberg im Statistischen Landesamt begleitet. Einen Überblick über die Ergebnisse finden Sie in einem Kurzbericht (PDF).

Bessere Teilhabe von armutsgefährdeten Menschen an Politik und Gesellschaft

Regelmäßige soziale Kontakte wirken sich positiv auf die politische und gesellschaftliche Teilhabe von armutsgefährdeten Menschen aus. Zu diesem Ergebnis kommt der zweite GesellschaftsReport BW des Jahres 2019 „Politische und gesellschaftliche Teilhabe von Armutsgefährdeten“. Beispiele aus der Praxis zeigen, welche Rolle Vernetzungsmöglichkeiten spielen, um sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aus dem Gesellschaftsreport wurden zwei Förderaufrufe entwickelt: Auf Basis des Förderaufrufs „Aktiv und gemeinsam gegen Kinderarmut und für Teilhabe und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen“ haben zwei Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut ihre Arbeit aufgenommen (siehe oben). Auf Basis des zweiten Förderaufrufs „Politische und gesellschaftliche Teilhabechancen trotz Armutsgefährdung“ werden elf Projekte (PDF) in Stuttgart, Mannheim, Göppingen, Rottweil und im Rhein-Neckar-Kreis durchgeführt. Diese befassen sich mit Angeboten aus den Bereichen Politik und Kultur, bieten Begegnungsräume oder fördern die Bildung von Netzwerken.

Ergebnisse des Ideenwettbewerbs für Strategien gegen Armut

Im Jahr 2016 fand ein Ideenwettbewerb „Strategien gegen Armut“ statt. Dieser wurde vor dem Hintergrund der Empfehlungen aus dem Ersten Armuts- und Reichtumsberichts durchgeführt. Schon lange geplante Projekte und neue Ansätze in der Armutsprävention und -überwindung, denen es bisher an der Finanzierung mangelte, konnten verwirklicht werden. Die 13 ausgewählten Projekte (PDF) richteten sich an Kinder, Alleinerziehende, alte Menschen, Langzeitarbeitslose, Überschuldete, Migrantinnen und Migranten oder von Wohnungslosigkeit betroffene Menschen.

Die FamilienForschung Baden-Württemberg im Statistischen Landesamt hatte die Projekte und ihre Ergebnisse im Jahr 2018 bilanziert. Wegen des thematischen Zusammenhangs wurde die Dokumentation durch zwei vom Ministerium für Soziales und Integration geförderte Leuchtturmprojekte aus Singen und Tübingen ergänzt, bei denen systematisch Wege zur Bekämpfung der Kinderarmut beschritten wurden.