Strategie

Gesundheit 2030: Transformationsstrategie für die Gesundheitsversorgung von morgen

Mit Gesundheit 2030 hat Baden-Württemberg seine bisherige Strategie zur Digitalisierung in Medizin und Pflege zu einer umfassenden Transformationsstrategie weiterentwickelt. Der Leitgedanke lautet: „präventiv und digital vor ambulant vor stationär“.

Berechne Lesezeit
  • Teilen
Arzt tippt auf Laptoptastatur, darüber ist eine virtuelle Grafik mit Diagrammen und Dokumenten-Icons eingeblendet.

Im Mittelpunkt von Gesundheit 2030 steht die Frage, wie eine qualitativ hochwertige, zugängliche und finanzierbare Gesundheitsversorgung auch unter veränderten demografischen, technologischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gesichert werden kann.

Unter dem Leitgedanken „präventiv und digital vor ambulant vor stationär“ soll Gesundheit möglichst lange erhalten, sollen Risiken früher erkannt und Patientinnen und Patienten gezielter durch das Gesundheitssystem begleitet werden. Digitale Technologien und Künstliche Intelligenz sind dabei kein Selbstzweck. Sie eröffnen neue Möglichkeiten, Prävention und Versorgung besser zu organisieren, Fachkräfte zu entlasten und vorhandene Ressourcen gezielter einzusetzen.

Von der Digitalstrategie zur Transformationsstrategie

Bereits im Jahr 2017 hat Baden-Württemberg mit der Strategie Digitalisierung in Medizin und Pflege frühzeitig die Chancen der Digitalisierung für die Gesundheitsversorgung aufgegriffen. Im Mittelpunkt standen zunächst insbesondere Telemedizin, sektorenübergreifende Versorgung, Pflege und Personalisierte Medizin. Seitdem wurden über mehrere Förderaufrufe und Einzelförderungen mehr als 50 Projekte mit einem Fördervolumen von über 30 Millionen Euro unterstützt. Später rückten unter anderem Künstliche Intelligenz und digitale Gesundheitskompetenz stärker in den Fokus.

Die technologischen Möglichkeiten und zugleich die Herausforderungen des Gesundheitswesens haben sich seitdem grundlegend weiterentwickelt. Deshalb wurde die Strategie gemeinsam mit zahlreichen Akteurinnen und Akteuren aus Gesundheitsversorgung, Wissenschaft, Kranken- und Pflegekassen, Verbänden sowie weiteren Bereichen weitergedacht.

Das Ergebnis ist Gesundheit 2030. Digitalisierung wird darin nicht isoliert betrachtet, sondern mit neuen Zugangswegen zur Versorgung, veränderten Rollen der Gesundheitsberufe, neuen Vergütungsanreizen und einer stärkeren Zusammenarbeit über bestehende Sektorengrenzen hinweg verbunden. Gesundheit 2030 ist damit keine Digitalstrategie, sondern eine Transformationsstrategie für das Gesundheitswesen.

Vier Ebenen für die Gesundheitsversorgung von morgen

Die Vision von Gesundheit 2030 folgt einem Gesundheitspfad mit vier aufeinander aufbauenden Ebenen. Dabei bezeichnet „2030“ keinen festen Stichtag. Die Strategie beschreibt vielmehr ein Zielbild für die 2030er-Jahre und damit die Richtung, in die sich das Gesundheitswesen schrittweise entwickeln soll.

  1. Gesundheits- und Digitalkompetenz, Gesundheitsförderung und Prävention: Gesundheit beginnt möglichst lange vor einer Erkrankung. Bürgerinnen und Bürger werden dabei unterstützt, Gesundheitsinformationen zu verstehen, digitale Angebote sicher zu nutzen und ihre Gesundheit aktiv zu erhalten. Digitale Anwendungen und neue Technologien können Risiken frühzeitig sichtbar machen und helfen, Prävention stärker in den Alltag zu integrieren.
  2. KI-gestützte Patientensteuerung: Wer medizinische Hilfe benötigt, braucht schnell Orientierung. Eine digitale und perspektivisch KI-gestützte Ersteinschätzung kann Symptome strukturiert erfassen, die Dringlichkeit bewerten und den Weg in eine geeignete Versorgung weisen. Die KI übernimmt dabei die Funktion eines digitalen Lotsen; die medizinische Verantwortung verbleibt beim medizinischen Fachpersonal.
  3. Stärkung nicht-ärztlichen Personals: Nicht-ärztliche Gesundheitsberufe können künftig mehr qualifikationsgerechte Verantwortung übernehmen. Neue und weiterentwickelte Berufsprofile, unterstützt durch digitale Anwendungen und KI, eröffnen die Möglichkeit, Standardaufgaben zu übernehmen, Patientinnen und Patienten kontinuierlicher zu begleiten und ärztliche Ressourcen stärker auf komplexe medizinische Fragestellungen zu konzentrieren.
  4. Digital unterstützte Versorgungsprozesse: Die ambulante und stationäre Versorgung wird stärker digital vernetzt, datenbasiert und sektorenübergreifend organisiert. Strukturierte Gesundheitsdaten, interoperable Systeme, Telemedizin und KI-Assistenzsysteme können Fachkräfte im Versorgungsalltag unterstützen, Informationsverluste vermeiden und Versorgungsprozesse besser miteinander verbinden.

18 Maßnahmen in drei Clustern

Die vier Ebenen beschreiben das Zielbild von Gesundheit 2030. Für die konkrete Umsetzung bündelt die Strategie 18 Maßnahmen in drei Clustern. Sie schaffen zunächst die notwendigen Grundlagen, entwickeln darauf aufbauend die Organisation der Versorgung weiter und verbessern schließlich die Bedingungen dafür, dass Innovationen schneller aus Forschung und Entwicklung in die Praxis gelangen.

Cluster 1: (Digitales) Fundament schaffen

Ein modernes Gesundheitssystem braucht verlässliche Daten, sichere und interoperable Infrastrukturen, digitale Kompetenzen und geeignete Anreizsysteme. Dieses Fundament verbindet die einzelnen Ebenen von Gesundheit 2030 und schafft die technischen und organisatorischen Voraussetzungen für neue Versorgungsmodelle.

Ein wesentlicher Baustein ist MEDI:CUS – Medizindaten-Infrastruktur: cloudbasiert, universell, sicher. Die cloudbasierte Infrastruktur vernetzt unterschiedliche IT-Systeme und ermöglicht Leistungserbringern einen standardisierten Zugang zu Fachanwendungen und Basisdiensten. MEDI:CUS schafft damit wichtige Voraussetzungen für Interoperabilität, Skalierung und den Transfer digitaler Innovationen in die Versorgung.

Maßnahmen

Cluster 2: Gesundheit und Versorgung neu organisieren

Das zweite Cluster setzt unmittelbar bei den Versorgungsstrukturen an. Zugangswege, Rollen und Verantwortlichkeiten werden so weiterentwickelt, dass sich Versorgung stärker am tatsächlichen Bedarf der Menschen orientiert. Digitale Angebote, neue Formen der Arbeitsteilung und eine bessere Vernetzung ermöglichen Versorgung näher am Alltag der Menschen und einen gezielteren Einsatz knapper Fachkräfte.

Maßnahmen

Cluster 3: Innovationen ermöglichen

Neue Technologien entfalten ihren Nutzen erst dann, wenn sie den Weg aus Forschung und Entwicklung in den Versorgungsalltag finden. Deshalb richtet das dritte Cluster den Blick auf die gesamte Innovationskette: von der Entwicklung über die Erprobung unter realen Bedingungen bis zur Überführung erfolgreicher Lösungen in die Fläche.

Eine wichtige Rolle übernimmt dabei bereits heute das KI-Reallabor Gesundheit Baden-Württemberg – SAINDBOX | AI Sandbox Health BW. Als geschützter Experimentierraum verbindet es Entwicklung und praktische Erprobung von Gesundheits-KI mit Fragen des Datenschutzes, der Regulierung und des sicheren Datenzugangs. Erkenntnisse aus der Anwendung können damit nicht nur einzelne Innovationen voranbringen, sondern auch dazu beitragen, regulatorische Rahmenbedingungen praxisnah weiterzuentwickeln.

Maßnahmen

Transformation gemeinsam gestalten

Gesundheit 2030 beschreibt keinen abgeschlossenen Zustand und keinen starren Fahrplan bis zu einem bestimmten Datum. Die Strategie gibt vielmehr eine gemeinsame Richtung für die 2030er-Jahre vor und verbindet langfristige Zielbilder mit konkreten nächsten Schritten.

Viele Veränderungen können nicht durch das Land allein umgesetzt werden. Notwendig ist das Zusammenspiel von Bund und Ländern, Kommunen, Kranken- und Pflegekassen, Selbstverwaltung, Gesundheitsberufen, Wissenschaft, Wirtschaft und insbesondere den Bürgerinnen und Bürgern.

Baden-Württemberg will diesen Wandel aktiv mitgestalten, neue Ansätze unter realen Bedingungen erproben und erfolgreiche Lösungen in die Fläche bringen. Das Ziel ist ein Gesundheitssystem, das technologische Möglichkeiten konsequent nutzt und gleichzeitig das in den Mittelpunkt stellt, worauf es ankommt: die Gesundheit und eine verlässliche Versorgung der Menschen.